KOMMENTAR VON PIOTR MAJCHRZAK, BOLDARE AI-WASHING – WENN KI ZUM BEQUEMEN
SÜNDENBOCK WIRD
16.04.2026 Von Piotr Majchrzak 4 min Lesedauer
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Die deutsche Wirtschaft kommt auch im Frühjahr 2026 nicht richtig in Schwung.
Seit Monaten spiegeln sich die strukturellen Probleme nicht nur in Prognosen,
sondern ganz konkret im Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen wider. Laut dem
IfO-Institut bauen Unternehmen derzeit mehr Stellen ab, als neue entstehen – ein
klares Signal für anhaltende Unsicherheit. In dieser Situation wird Künstliche
Intelligenz (KI) zunehmend als Sündenbock für strukturelle Probleme
herangezogen.
Schon 2025 ging etwa ein Viertel der Unternehmen davon aus, , während nur ein
sehr kleiner Teil mit neuen Jobs rechnete. Diese Wahrnehmung hat sich in der
öffentlichen Debatte festgesetzt und wird durch medienwirksame Entscheidungen
einzelner Unternehmen befeuert. Ein kritischer Blick auf dieses Narrativ lohnt
sich: Nicht jede Entlassung, die mit begründet wird, ist tatsächlich
technologisch getrieben. Studien (z. B. von Forrester) zeigen, dass
wirtschaftliche Faktoren oft eine größere Rolle spielen als neue Technologien.
KI ist in vielen Fällen nicht die Ursache, sondern die Erzählung, mit der
Entscheidungen im Nachhinein plausibel gemacht werden.
WAS KANN KI HEUTE TATSÄCHLICH LEISTEN UND WO LIEGEN IHRE GRENZEN?
Künstliche Intelligenz ersetzt aktuell vor allem einzelne Aufgaben, nicht ganze
Berufe. Produktivitätsgewinne entstehen vor allem bei Textarbeit, Recherche,
Zusammenfassungen und einfachen Datenanalysen.
Gleichzeitig bleibt der Mensch zentral: Ergebnisse müssen eingeordnet, überprüft
und oft nachbearbeitet werden. Der „Human in the Loop“ ist kein
Sicherheitsmechanismus, sondern Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von KI.
Prognosen von Forrester gehen davon aus, , während ein deutlich größerer Teil
durch KI ergänzt wird. Das bedeutet: Die Arbeitswelt verändert sich, aber nicht
in der oft skizzierten Radikalität. Wer heute von flächendeckendem Jobersatz
spricht, überschätzt die technologischen Möglichkeiten und unterschätzt die
Komplexität realer Arbeit.
Hinzu kommt, dass die Einführung neuer Technologien in Unternehmen meist
langsamer verläuft als angenommen. Grund dafür sind bestehende Prozesse,
Regulierungen und fehlende Kompetenzen, welche eine flächendeckende Umsetzung
ausbremsen können. Der Erfolg einer flächendeckenden Umsetzung zeigt sich
allerdings niemals in ihrer Geschwindigkeit, sondern vielmehr in der
Herangehensweise: daran, ob Erwartungen frühzeitig geklärt, Einsatzfelder klar
definiert und Mitarbeitende gezielt in die Nutzung eingebunden werden.
WIE KI DIE STRUKTUR VON ARBEIT VERÄNDERT
KI steigert Effizienz und verändert gleichzeitig die Struktur von Arbeit. Wenn
repetitive Aufgaben wegfallen, verschiebt sich der Fokus auf komplexe, kreative
und strategische Tätigkeiten. Der Effekt ist nicht nur schnelleres Arbeiten,
sondern eine Verlagerung hin zu höherwertiger Arbeit.
Diese Entwicklung muss bewusst gestaltet werden. Produktivitätsgewinne durch KI
müssen nicht automatisch zu Entlastung führen, wenn Organisationen ihre
Arbeitsweisen nicht anpassen. Die gewonnene Zeit wird sonst schnell wieder durch
neue Aufgaben aufgefüllt.
Der entscheidende Punkt ist also nicht, ob KI Arbeit reduziert, sondern wie
Unternehmen die neu entstehenden Freiräume nutzen. Gut umgesetzt, kann KI dazu
beitragen, Arbeit sinnvoller zu machen: weniger Routine, mehr Fokus auf das, was
wirklich Wert schafft. Dafür braucht es allerdings mehr als nur Tools – nämlich
klare Prozesse, realistische Erwartungen und Teams, die lernen, mit diesen neuen
Möglichkeiten bewusst umzugehen. Genau hier entscheidet sich, ob aus Effizienz
echte Verbesserung wird.
Ein bislang wenig beachteter Erfolgsfaktor liegt in der Frage, wie gut
Unternehmen organisatorisch und kulturell auf den Einsatz von KI vorbereitet
sind. Denn die Technologie allein entfaltet noch keinen Mehrwert. Entscheidend
ist, ob Führungskräfte in der Lage sind, ihren Einsatz sinnvoll zu steuern. In
vielen Fällen scheitert der Einsatz von KI nicht an der Technologie, sondern an
fehlender Orientierung im Unternehmen: unklare Zuständigkeiten, mangelnde
Priorisierung oder Unsicherheit im Umgang mit den neuen Möglichkeiten. Dort
hingegen, wo Führung aktiv begleitet, ausprobiert und Lernen ermöglicht,
entwickelt KI ihr Potenzial deutlich schneller. Der Unterschied liegt damit
weniger in der Technologie selbst als in der Fähigkeit von Organisationen, sie
produktiv in den Arbeitsalltag zu integrieren.
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Stand: 08.12.2025
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ZWISCHEN HYPE, AI-WASHING UND REALEN CHANCEN
Parallel dazu verschärft sich ein Problem, das die Debatte zunehmend verzerrt:
AI-Washing. Gemeint ist die Tendenz, KI als Erklärung oder Rechtfertigung für
Entscheidungen zu nutzen, die eigentlich andere Ursachen haben – etwa
Kostendruck, schwache Nachfrage oder strategische Neuausrichtung. Gerade in
wirtschaftlich angespannten Zeiten wird KI so zum bequemen Erklärungsmodell für
Maßnahmen, die auch ohne technologische Veränderungen getroffen worden wären.
Ein typisches Beispiel für AI-Washing: Unternehmen führen einzelne Tools ein und
bezeichnen sich anschließend als „AI-driven“, ohne dass sich Prozesse
grundlegend verändern. Gleichzeitig werden Versprechen gemacht, KI könne große
Teile von Teams ersetzen – obwohl die tatsächliche Nutzung weit dahinter
zurückbleibt.
Überhastete Automatisierung kann nicht nur zu finanziellen Rückschlägen führen,
sondern auch Vertrauen innerhalb der Organisation beschädigen. Erste Beispiele
zeigen bereits, , wenn sich die erwarteten Effizienzgewinne durch die
Technologie nicht einstellen.
Gleichzeitig zeigt sich: Unternehmen, die KI erfolgreich einsetzen, verfolgen
einen anderen Ansatz. Sie reduzieren nicht primär Personal, sondern investieren
gezielt in Fähigkeiten. Entscheidend ist dabei, die Hürden für den Einsatz von
KI bewusst zu senken. KI entfaltet ihren Nutzen nur dann, wenn sie im
Arbeitsalltag verfügbar ist und aktiv genutzt werden kann – nicht, wenn sie in
Pilotprojekten isoliert oder durch komplexe Freigabeprozesse eingeschränkt wird.
Genau hier entscheidet sich, ob KI zu kurzfristigen Einsparungen führt – oder zu
einer nachhaltig produktiveren Arbeitsweise.
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