ESKALATION IM KI-STREIT CHINA WARNT VOR „HINTERTÜR“ IN CLAUDE CODE – ANTHROPIC
WIDERSPRICHT
25.08.2026 Von Henrik Bork 5 min Lesedauer
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Chinas Schwachstellenplattform NVDB stuft ältere Versionen von Claude Code als
Sicherheitsrisiko ein. Anthropic spricht dagegen von einem inzwischen entfernten
Schutzmechanismus. Dahinter steht ein wachsender Konflikt um Modelldiebstahl,
Zugriffssperren und technologische Abhängigkeiten.
China hat vor einem Sicherheitsrisiko in älteren Versionen von Claude Code
gewarnt. Die vom Ministerium für Industrie und Informationstechnologie
betriebene Schwachstellenplattform National Vulnerability Database (NVDB) warnte
am 8. Juli 2026 vor einer eingebauten „Hintertür“.
Claude Code ist ein -Tool der US-Firma Anthropic. Nutzer erhalten im
Terminal-Fenster ihres Computers sehr leistungsstarke Hilfen beim Programmieren
und bei anderen Aufgaben. Je nach Konfiguration kann das Werkzeug dabei direkten
Zugang zu lokalen Dateien, Entwicklungswerkzeugen und externen Diensten
erhalten.
Claude Code könne dabei aber, so die Warnung aus China, sensible Informationen
wie Standort und Identitätsmerkmale der Nutzer ohne deren Zustimmung an
entfernte Server übertragen, berichtet das chinesische Wirtschaftsmagazin
Caixin.
Betroffen seien die Versionen 2.1.91 bis 2.1.196, teilte die NVDB über soziale
Medien mit, berichtete Reuters ergänzend. Unternehmen sollten ihre Systeme
sofort prüfen und die Software deinstallieren oder auf eine bereinigte neuere
Version umsteigen. Außerdem riet die Behörde, externe Netzwerkzugriffe von
Entwicklungswerkzeugen strenger zu kontrollieren, um die „unautorisierte
Übertragung sensibler Daten“ zu verhindern.
ANTHROPIC GEGEN ALIBABA
Die Warnung ist die jüngste Eskalation in einem zunehmend gereizten
Schlagabtausch zwischen Anthropic, chinesischen Technologiekonzernen und der
Regierung in Peking. Anthropic hatte Alibaba im Juni 2026 in einem Brief an
führende Mitglieder des Bankenausschusses des US-Senats den bislang „größten
bekannten Distillationsangriff“ auf seine KI-Modelle vorgeworfen, berichtete der
US-Fernsehsender CNBC. Mit Alibaba und dessen Sprachmodell Qwen verbundene
Akteure hätten zwischen dem 22. April und dem 5. Juni mit rund 25.000
gefälschten Konten 28,8 Millionen Interaktionen mit Claude ausgeführt, heißt es
darin.
Bei der Distillation wird ein schwächeres KI-Modell mit den Antworten eines
stärkeren trainiert. Das Verfahren ist in der KI-Branche grundsätzlich üblich
und kann legitim eingesetzt werden. Der Vorwurf Anthropics richtet sich vor
allem gegen die angebliche Nutzung gefälschter Konten, die Umgehung von
Zugriffsbeschränkungen und den Umfang der Aktion. Alibaba hat die Vorwürfe nicht
kommentiert.
Anfang Juli hatte Alibaba mit einem internen Bann der US-Software reagiert. Der
Konzern setzte Claude Code auf seine interne Liste für Hochrisiko-Software und
untersagte seinen Mitarbeitern vom 10. Juli 2026 an die Nutzung aller
Anthropic-Produkte, wie Caixin berichtet. Die Beschäftigten müssen die Werkzeuge
deinstallieren und auf den hauseigenen KI-Assistenten „Qoder“ umsteigen.
Anthropic konterte, dass die Nutzung von Claude Code in China ohnehin nie
erlaubt gewesen sei. Die Nutzungsrichtlinien der Firma hätten den Zugriff aus
China schon immer verboten, zitierte die South China Morning Post (SCMP) einen
Firmensprecher.
INEFFEKTIVE NUTZERSPERRE?
Seit Juli 2024 hat Anthropic Nutzer in Festlandchina und Hongkong offiziell
gesperrt, seit September 2025 auch alle mehrheitlich chinesisch kontrollierten
Unternehmen weltweit. Die US-Software bleibt jedoch bei vielen Programmierern in
China sehr beliebt, auch wenn sie dort von Anthropic nie offiziell angeboten
wurde.
Anthropic hat eingeräumt, einen verdeckten Mechanismus zur Erkennung
China-bezogener Nutzerumgebungen eingesetzt zu haben. Dieser sei ein im März
gestarteter Test gegen Missbrauch und Distillation gewesen, erklärte der
Anthropic-Techniker Thariq Shihipar als Reaktion auf einen Beitrag des
Fachmediums International Cyber Digest. Der Mechanismus wurde inzwischen
entfernt. Anthropic führt derzeit Version 2.1.220 als neueste Ausgabe von Claude
Code.
Der in der chinesischen Warnung zitierte Ortungsmechanismus sei ein „direktes
und inakzeptables Sicherheitsrisiko“ für jedes chinesische Unternehmen, sagte
Cai Peng, Partner der Pekinger Kanzlei Zhong Lun, gegenüber der SCMP. Angesichts
der „feindseligen“ Haltung Anthropics gegenüber China überrasche ihn die
Gegenreaktion nicht. Weitere chinesische Firmen dürften nun folgen, so der
Anwalt.
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ich in der .
KI IST KEINE KLASSISCHE SOFTWARE
Der Streit lässt sich nicht von dem allgemeinen KI-Wettrennen zwischen China und
den USA trennen. „Chinesische Unternehmen werden KI-Anbieter nicht nur als
klassische Softwarelieferanten bewerten müssen, sondern als strategische
Zulieferer, deren Zuverlässigkeit von Geopolitik und nationaler Sicherheit
beeinflusst werden kann“, sagte Ben Hu von der Hong Kong China Network Security
Association.
Wie bei jedem hoch politisierten Streit gibt es auch diesmal Kollateralschäden.
In Hongkong haben Goldman Sachs und JPMorgan Chase ihren Bankern den Zugriff auf
Anthropic-Modelle gekappt, in strikter Auslegung der Nutzungsbedingungen. „Den
Zugang zu den fortschrittlichsten KI-Modellen der Welt zu versperren, bedroht
Hongkongs Wiederaufstieg als internationales Finanzzentrum, angesichts ihrer
schnellen Verbreitung in anderen Teilen der Welt, insbesondere beim
Programmieren“, warnte die Financial Times. Die Einschränkungen zeigen, dass
Anthropics regionale Nutzungsbedingungen längst auch internationale Unternehmen
in Hongkong betreffen.
Für die wachsende Nachfrage nach chinesischen Modellen spricht zum einen der
Preis. Spitzenmodell V4 Pro ist beim Preis für ausgegebene knapp 60-mal
günstiger als Anthropics Fable 5. Minimax M2.7, Xiaomis Mimo V2.5 Pro und
Alibabas Qwen3.7 Max schneiden in den Preis-Leistungs-Rankings der
US-Benchmark-Firma Artificial Analysis gut ab. „Die Leistung chinesischer
Modelle wie Deepseeks V4 Pro, GLM, Kimi, Minimax und Qwen ist zunehmend auf
Augenhöhe mit der amerikanischen KI“, schrieb Agathe Demarais vom European
Council on Foreign Relations in der Financial Times.
Vor allem werden mehrere besonders gefragte chinesische Modelle mit offenen
Gewichten veröffentlicht. Kunden können diese herunterladen, innerhalb der
jeweiligen Lizenzbedingungen an die eigenen Anforderungen anpassen und teilweise
auf eigener Infrastruktur betreiben. Das verringert das Risiko, durch eine
Zugriffssperre des Anbieters plötzlich den Zugang zu einem bereits
heruntergeladenen Modell zu verlieren. „Die Nachfrage nach chinesischen Modellen
hat die nach US-Modellen auf Openrouter bereits überholt“, schrieb kürzlich der
Journalist Nicholas Gordon im Fortune-Magazin. Die Aussage bezieht sich auf das
über Openrouter verarbeitete Tokenvolumen, bei dem chinesische Modelle
amerikanische Anbieter Anfang Juni überholten. Einer Nation, die sich auf
ausländische Technologie verlasse, könne „über Nacht der Stecker gezogen
werden“, warnte in jüngster Vergangenheit der frühere französische Innenminister
Bruno Retailleau.
Für Anthropic-Chef Dario Amodei kommt die Eskalation zur Unzeit, denn sein
Unternehmen hat am 1. Juni vertraulich Unterlagen für einen Börsengang bei den
US-Behörden eingereicht. Amodei warnt seit Langem vor der Gefahr aus China. Er
inszeniert sich als Gewissen der KI-Branche und fordert von der US-Regierung,
autoritäre Staaten von den mächtigsten Modellen fernzuhalten. Auch in ihrem
Brief an den US-Senat hatte die Firma den Kongress gedrängt, Schlupflöcher für
chinesische KI-Labore zu schließen und unerlaubte Distillationsangriffe zu
bestrafen.
Die US-Regierung in Washington nimmt solche Warnungen inzwischen sehr ernst.
Führende Regierungsvertreter stellten zuletzt Untersuchungen, Finanzsanktionen
und Handelsbeschränkungen gegen chinesische KI-Unternehmen in Aussicht, denen
die unerlaubte Distillation amerikanischer Modelle vorgeworfen wird. China
bezeichnete dies am 27. Juli als „KI-Hegemonismus“ und drohte mit
Gegenmaßnahmen.
Bereits am 12. Juni hatte das US-Handelsministerium den Zugriff ausländischer
Nutzer auf die damals neuen Anthropic-Modelle Fable 5 und Mythos 5 beschränkt.
Weil Anthropic die Staatsangehörigkeit seiner Nutzer nicht zuverlässig in
Echtzeit prüfen konnte, nahm das Unternehmen beide Modelle zunächst weltweit vom
Netz – auch für eigene ausländische Mitarbeiter. Die Exportkontrollen wurden
jedoch am 30. Juni wieder aufgehoben. Fable 5 ist seit dem 1. Juli erneut
weltweit verfügbar, während Mythos 5 weiterhin nur einem begrenzten Nutzerkreis
offensteht. Der Vorgang zeigte dennoch, wie schnell der Zugang zu einer
strategisch wichtigen KI-Technologie durch politische Entscheidungen
unterbrochen werden kann.
Kommentatoren wie der frühere Finanzhändler Patrick Boyle sehen in Anthropics
Öffentlichkeitsarbeit und den ständigen Warnungen vor China möglicherweise ein
Eigentor, argumentiert er sinngemäß. „Den Behörden zu erzählen, dass man eine
Waffe gebaut hat, und dann schockiert zu sein, wenn sie sie wie eine solche
behandeln, ist, alles in allem, schlechte Unternehmensführung“, spottete Boyle
über Amodei.
Dieser Artikel stammt von unserem Partnerportal .
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