KOMMENTAR VON BERND KARGER, WORKDAY MANUFACTURING 2026: KI TRANSFORMIERT DIE
FABRIK – UND DIE ARBEIT SELBST
22.04.2026 Von Bernd Karger 5 min Lesedauer
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Im Jahr 2026 steht die Fertigungsindustrie an einem historischen Wendepunkt:
Erstmals steuern Unternehmen eine „Total Workforce" – bestehend aus Menschen,
KI-Agenten und zunehmend auch humanoiden Robotern. Das verändert
Arbeitsorganisation, Führung und Wertschöpfung grundlegend.
Der Begriff „Fachkräftemangel“ greift nicht mehr – treffender ist es, von einem
Kampf um Talente zu sprechen: Entscheidend ist längst, die richtigen Fähigkeiten
zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzen zu können – über alle Ebenen
hinweg. Führungskräfte werden in dieser Transformation zu Orchestrierern dieser
hybriden Teams, wird zur Grundvoraussetzung für strategisches Handeln, und
menschliche Potenzialentfaltung wird zur Überlebensfrage für
Wettbewerbsfähigkeit.
Eine aktuelle Untersuchung von Aberdeen Strategy & Research „Practical AI in
manufacturing: From fragmentation to unified intelligence” (September 2025)
zeigt, wie groß der KI-Hebel in der Fertigungsindustrie ist: Unternehmen, die
(KI) bereits praktisch und strategisch einsetzen, verzeichnen im Schnitt eine 82
Prozent höhere Genauigkeit in der Finanzberichterstattung, ein 75 Prozent
höheres Mitarbeiterengagement sowie eine 2,2-fache Reduktion von
Anlagenstillständen im Vergleich zu Wettbewerbern.
VON FACHKRÄFTEMANGEL ZUR „TOTAL WORKFORCE“
In vielen Fertigungsbetrieben werden Blue-Collar-Mitarbeiter stärker digital
eingebunden, arbeiten mit KI-gestützten Assistenzsystemen und Robotern zusammen
oder steuern diese direkt. White-Collar-Rollen verschieben sich in Richtung ,
Analyse und Orchestrierung hybrider Teams aus Menschen, Agenten und Maschinen.
Diese Verschiebung verlangt ein fundamentales Umdenken: Es benötigt ein
Verständnis darüber, wie Menschen und Künstliche Intelligenz gemeinsam optimale
Ergebnisse liefern, während sie gleichzeitig ethische und sicherheitstechnische
Standards wahren.
Das hat gleichzeitig neue Rollenbilder zur Folge: Beschäftigte an der Linie
können sich durch gezieltes Upskilling zu „Robot-Trainern“ oder
„Agent-Controllern“ entwickeln – mit höherer Qualifikation, mehr Verantwortung
und besseren Entwicklungsperspektiven. Diese Entwicklung markiert ein neues
Führungsmandat: Unternehmen müssen bewusst gestalten, wie die „Total Workforce“
zusammenarbeitet, wie Verantwortlichkeiten verteilt werden und welche ethischen
Leitplanken gelten.
Die Aberdeen-Studie unterstreicht, dass diese Neuausrichtung nicht nur ein
HR-Thema ist. Hersteller nennen Mitarbeiterproduktivität und Engagement als eine
ihrer wichtigsten Herausforderungen (23 Prozent der Befragten) – direkt hinter
der Datenqualität. KI-gestützte Systeme, die manuelle, wenig wertschöpfende
Aufgaben reduzieren und Talente gezielt weiterentwickeln, werden damit zu einem
zentralen Instrument gegen die Talentlücke.
KI- UND DATEN-GOVERNANCE ALS FUNDAMENT
Die Steuerung einer „Total Workforce" ist ohne saubere und verlässlich
verfügbare Daten nicht möglich. In der Fertigungsindustrie fallen enorme
Datenmengen an: Jede Maschine, jede Linie, jedes Subsystem generiert
Informationen. Gleichzeitig kämpfen viele Organisationen mit fragmentierten
Systemen, Dateninseln und externen KI-Tools.
Für 2026 werden Datenqualität, Datenhoheit und klare Governance damit zur
Grundvoraussetzung für jeden sinnvollen KI-Einsatz. Benötigt werden eine sauber,
zuverlässige und integrierte Datenbasis, auf der KI-Agenten arbeiten können,
eindeutige Regeln, wem Daten gehören und wer worauf zugreifen darf, sowie eine
Art „Agent System of Record“, das festlegt, welche Agenten welche Aufgaben in
welchem Rahmen ausführen – inklusive der Möglichkeit, sie kontrolliert wieder
„abzuschalten“. Nur wenn Daten, Prozesse und Workforce in einem konsistenten
System in einer „responsible AI“ - einer KI in dem der Mensch die zentrale
Kontrolle über Prozesse hat – zusammengeführt werden, lassen sich KI-gestützte
Entscheidungen zuverlässig treffen und skalieren.
WACHSTUM UND PROFITABILITÄT NEU DENKEN
Klassische Wachstumsrezepte über Preiserhöhungen stoßen angesichts stark
schwankender Rohstoffpreise an Grenzen. Im Kern bleiben in der
Fertigungsindustrie zwei Hebel: Material und Personal. Beide treiben
Effektivität und Profitabilität. Wenn Materialkosten aufgrund volatiler
Rohstoffpreise kaum steuerbar sind, bleibt nur die personelle Wertschöpfung als
entscheidender Stellschraube für Profitabilität und Wachstum – durch gezielten
Einsatz, Qualifizierung und technologische Unterstützung der Workforce.
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Stand: 08.12.2025
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Die Aberdeen-Zahlen machen deutlich, wo Ansatzpunkte liegen: Praktische
KI-Nutzer berichten nicht nur von höherem Engagement, sondern auch von spürbaren
Effizienzgewinnen – etwa durch deutlich geringere ungeplante Stillstände und
verbesserte Planungsgenauigkeit. Produktivitätsgewinne entstehen durch:
* bessere Nutzung von Daten entlang der Wertschöpfungskette,
* KI-gestützte Entscheidungen in Planung, Produktion und Lieferkette,
* Automatisierung von Routinetätigkeiten,
* und gezielte Nutzung der Fähigkeiten der Mitarbeitenden an der Linie und in
den Büros.
VOM „JUST IN TIME” ZUM „JUST IN CASE”
Parallel verändert sich das Betriebsmodell entlang der Lieferketten. Statt
reiner Auftragsfertigung (Manufacture to Order) und punktgenauer Lieferung bauen
viele Hersteller mehr Resilienz auf und denken zunehmend in
Just-in-Case-Szenarien – mit gezielten Pufferbeständen.
Zölle, geopolitische Risiken und volatile Nachfrage erfordern zusätzliche
Flexibilität in Beschaffung, Produktion, Logistik und Workforce-Einsatz.
Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität werden damit zu einem kontinuierlichen
Anpassungsprozess, nicht zu einem Einmalprojekt. Unternehmen benötigen
Strukturen und Systeme, die diese Anpassungsfähigkeit operativ unterstützen –
von der strategischen Planung bis zur Schichtplanung am Standort.
Auch hier zeigt die Studie, dass Automatisierung und KI-basierte Planung zu den
Top-Investitionsfeldern gehören: Hersteller priorisieren insbesondere
Finanzmanagement, Analytik und Vorsagemodelle, Betriebssicherheit und
Cybersicherheit sowie die Automatisierung von Arbeitsabläufen, um mit der neuen
Volatilität umzugehen.
ESG UND COMPLIANCE: DAUERAUFGABE STATT TRENDTHEMA
ESG und Compliance sind kein Randthema mehr, sondern beeinflussen zunehmend
Geschäftsmodelle, Lieferketten und Investitionsentscheidungen. Auch wenn Tiefe
und Geschwindigkeit einzelner Regulierungen kontrovers diskutiert werden, bleibt
die strategische Richtung klar.
Erfolgreiche Unternehmen ordnen Trends wie KI, Industrie 5.0 und ESG in eine
langfristige Gesamtstrategie ein, statt isolierten Hypes zu folgen.
Nachhaltigkeits- und Compliance-Initiativen müssen am Ende auf zwei Kernziele
einzahlen: die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und die Profitabilität zu
stärken.
CHANCE FÜR DEN MITTELSTAND: VON ENTERPRISE-DATEN PROFITIEREN
Gerade für den deutschen Mittelstand eröffnet sich eine besondere Chance.
Erstmals kann er in großem Maßstab von den Daten und Erfahrungen großer
Unternehmen profitieren.
Mit Cloud- und KI-Systeme drehen sich etablierte Muster um: Trainingsdaten, Best
Practices und vortrainierte Modelle aus Millionen Transaktionen und Prozessen
liegen – bei klarer Governance und Einwilligung der Kunden – in Plattformen vor,
auf die auch mittelständische Hersteller aufsetzen können. Das bedeutet konkret:
Mittelständler können heute Fähigkeiten nutzen, die früher nur Großkonzernen
vorbehalten waren – etwa KI-gestützte Produktionsplanung, prädiktive
Qualitätskontrolle oder Skill-basierte Workforce-Orchestrierung.
Allerdings nur unter einer Bedingung: Sie müssen aktiv ihre Daten managen, ihre
Prozesse harmonisieren und ihre Teams für diese neue Arbeitsweise vorbereiten.
Die Technologie allein reicht nicht – es braucht Führungsverantwortung und
Change-Bereitschaft. Mittelständler, die dies jetzt angehen, können aus dieser
Transformation einen messbaren, nachhaltigen Vorsprung ziehen.
2026 als Jahr der Umsetzung
Nach einer Phase intensiver Planung und zahlreicher Pilotprojekte wird 2026 zum
Jahr der Umsetzung. Entscheidend ist der Übergang von Konzepten in skalierbare
Praxis – mit klar definierten Zielen, einer robusten Governance und integrierten
Datenbasis, ersten skalierbaren Use Cases mit messbarem Mehrwert sowie einem
konsequenten Plan–Do–Check–Act (PDCA) zur kontinuierlichen Optimierung.
Hersteller, die ihre „Total Workforce" aktiv gestalten, ihre Datenbasis
professionalisieren und KI gezielt als Hebel für Produktivität, Qualität und
Resilienz nutzen, können aus dieser Transformation einen messbaren Vorsprung
ziehen – wie die Leistungskennzahlen der praktischen KI-Anwender im
Manufacturing bereits heute zeigen.
Erfolgreiche Unternehmen folgen einer langfristigen Strategie – nicht jedem
Trend. Wer auf jeden Hype aufspringt, verliert das große Ganze aus den Augen.
Stattdessen gilt es, Vision und Mission im Blick zu behalten, Trends wie KI,
Industrie 5.0 oder ESG gezielt zu nutzen und deren Mehrwert klar zu bewerten –
ohne sich von ihnen übermannen zu lassen. Am Ende zählt, Unternehmen strategisch
zu führen, nicht taktisch getrieben. Nur so entsteht aus Transformation ein
nachhaltiger Wettbewerbsvorteil.
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