KOMMENTAR VON MAREIKE BUSCHE, FIGMA TOKENMAXXING – WARUM NUTZUNGSZAHLEN KEIN
PRODUKTIVITÄTSBEWEIS SIND
10.08.2026 Von Mareike Busche 5 min Lesedauer
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Die erste Phase der KI-Adoption in Unternehmen war stark von Euphorie geprägt.
Neue Tools wurden getestet, Pilotprojekte gestartet und erste
Produktivitätsversprechen formuliert. In vielen Organisationen galt zunächst: Je
mehr Menschen Künstliche Intelligenz (KI) nutzen, desto besser. Hohe
Nutzungszahlen wurden als Zeichen von Fortschritt gewertet.
Inzwischen zeigt sich jedoch, dass diese Gleichung zu kurz greift. Hohe -Nutzung
bedeutet nicht automatisch höhere Produktivität. Mehr Prompts führen nicht
zwangsläufig zu besseren Ergebnissen. Und ein hoher Tokenverbrauch ist kein
verlässlicher Indikator für Wertschöpfung. Nach der KI-Euphorie beginnt deshalb
eine neue Phase: der KI-Kassensturz. Unternehmen müssen genauer verstehen, wo KI
tatsächlich Wirkung entfaltet, wo lediglich Aktivität entsteht und welche Kosten
durch unstrukturierte Nutzung langfristig aufgebaut werden.
TOKENMAXXING: WENN MEHR PROMPTING NICHT MEHR WERT SCHAFFT
Ein Begriff, der diese Entwicklung gut beschreibt, ist Tokenmaxxing. Gemeint ist
die Tendenz, KI immer intensiver zu nutzen, immer mehr Kontext in Prompts zu
integrieren und immer mehr Varianten erzeugen zu lassen, in der Hoffnung,
dadurch bessere Ergebnisse zu erzielen. Dahinter steht häufig die Annahme, dass
mehr Prompting automatisch zu mehr Qualität führt. In der Praxis ist jedoch oft
das Gegenteil der Fall.
Wenn Prompts unnötig lang und unpräzise sind, muss das Modell zunächst deutlich
mehr Interpretationsarbeit leisten, bevor es ein brauchbares Ergebnis liefern
kann. Das erhöht nicht nur den Tokenverbrauch, sondern häufig auch den Aufwand
aufseiten der Nutzer, die Ergebnisse prüfen, nachbearbeiten oder weitere
Iterationen anstoßen müssen.
Das größere Risiko liegt langfristig darin, dass Teams exponentiell mehr Inhalte
produzieren, ohne die Qualität ihrer Arbeit oder die tatsächlichen Ergebnisse
spürbar zu verbessern. Es entsteht dann zwar mehr Text, mehr Code, mehr
Varianten, mehr Präsentationsmaterial, mehr Dokumentation, aber nicht jeder
zusätzliche Output bringt ein Produkt, ein Projekt oder eine Entscheidung weiter
oder macht es besser. Unternehmen sollten deshalb vermeiden, Arbeitsweisen zu
etablieren, die sich primär an der Menge des erzeugten Outputs orientieren.
Solche Gewohnheiten lassen sich später nur schwer wieder ablegen.
HOHE KI-NUTZUNG IST NOCH KEIN PRODUKTIVITÄTSNACHWEIS
Fast alle großen Unternehmen verfolgen derzeit das Ziel, mithilfe von KI
schneller voranzukommen. Geschwindigkeit ist ein wichtiger Faktor. Aber
Geschwindigkeit allein ist kein Produktivitätsnachweis. Wenn die zugrunde
liegenden Workflows fragmentiert sind, beschleunigt KI im Zweifel nur diese
Fragmentierung. Dann arbeiten Teams zwar schneller, aber nicht zwingend besser
zusammen. Bestehende Silos werden nicht automatisch aufgelöst, sondern können
sich sogar verfestigen.
Die Teams, die den größten Nutzen aus KI ziehen, sind deshalb nicht unbedingt
diejenigen, die KI am intensivsten einsetzen. Vielmehr nutzen sie KI besonders
gezielt. Sie wissen, wann ein Prompt sinnvoll ist, wann manuell nachgeschärft
werden muss und wann ein Prozess beendet werden sollte. Genau diese Fähigkeit
wird häufig unterschätzt. Produktivität entsteht nicht nur dadurch, dass
schneller mehr erzeugt wird. Sie entsteht auch dadurch, dass Teams bewusst
entscheiden, wann ein Ergebnis belastbar ist und wann menschliches
Urteilsvermögen wichtiger ist als eine weitere maschinelle Variante.
WARUM WORKFLOW IMPACT WICHTIGER IST ALS REINE NUTZUNGSMETRIKEN
Damit verschiebt sich auch die Frage, wie KI-Produktivität gemessen werden
sollte. Reine Nutzungsmetriken zeigen, wie häufig ein Tool verwendet wird oder
wie viele Prompts geschrieben wurden. Sie sagen jedoch wenig darüber aus, ob
dadurch tatsächlich bessere und sinnvolle Ergebnisse entstehen.
Aussagekräftiger ist der Blick auf den Workflow Impact, also den Einfluss von KI
auf Arbeitsabläufe, Zusammenarbeit und Entscheidungsqualität. Für Produktteams
stellt sich etwa die Frage, ob Ideen schneller greifbar werden, Prototypen
früher entstehen, Feedback besser integriert wird und Produktmanagement, Design,
Entwicklung und Business mit weniger Reibungsverlusten zusammenarbeiten.
Besonders im Produktumfeld ist das relevant, weil Wertschöpfung selten aus einem
einzelnen Arbeitsschritt entsteht, sondern im Zusammenspiel aus Idee, Design,
Feedback, Entwicklung und Markteinführung.
TOKENVERBRAUCH WIRD ZUR MANAGEMENTAUFGABE
Parallel dazu rücken die Kosten stärker in den Fokus. Das Bewusstsein für
Tokenverbrauch und Modellzugriffe wächst. Viele Unternehmen stehen jedoch noch
am Anfang: Zunächst geht es darum, geeignete Anwendungsfälle zu identifizieren
und die grundsätzliche Nutzung von KI zu etablieren. Die anspruchsvollere
Diskussion beginnt erst danach: Welche Modelle eignen sich für welche Aufgaben?
Wie lässt sich Kontext effizient strukturieren? Wann ist ein leistungsstarkes
Modell notwendig, wann reicht ein kleineres Modell aus?
Tokenverbrauch dürfte künftig ähnlich professionell gesteuert werden müssen wie
Cloud-Kosten, Softwarelizenzen oder andere digitale Ressourcen. Dafür braucht es
gemeinsame Richtlinien, gut durchdachte Ausgangsprompts, klare Templates und
eine passende Zuordnung von Modellen zu Aufgaben. Wenn Teams wissen, wie sie
Anforderungen präzise formulieren und Ergebnisse bewerten, sinkt nicht nur der
unnötige Tokenverbrauch. Gleichzeitig steigt auch die Qualität der Ergebnisse.
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Stand: 08.12.2025
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Die größere Herausforderung ist kultureller Natur. KI-Adoption wird oft von
Dringlichkeit getrieben. Unternehmen wollen schnell lernen, schnell ausprobieren
und schnell Effekte sehen. Professioneller KI-Einsatz erfordert jedoch an
bestimmten Stellen bewusste Entschleunigung. Der Leitsatz „Slow is smooth, and
smooth is fast“ beschreibt diesen Zusammenhang sehr treffend: Wer am Anfang
strukturierter arbeitet, kommt später schneller und verlässlicher voran.
Die wirksamste Kostenbremse ist deshalb nicht zwangsläufig ein starres Limit,
sondern ein klarer Entscheidungsrahmen. Unternehmen müssen verstehen, welche
Aufgaben sich sinnvoll automatisieren lassen, wann leistungsstarke Modelle
tatsächlich Mehrwert schaffen und wo einfachere Lösungen ausreichen. Das Ziel
sollte nicht sein, möglichst viel Output um jeden Preis zu erzeugen, sondern
schneller zu lernen, bessere Entscheidungen zu treffen und Ressourcen gezielter
einzusetzen.
KI ENTFALTET IHREN WERT DORT, WO PRODUKTE ENTSTEHEN
Diese bewusste Steuerung ist jedoch nur ein Teil der Antwort. Entscheidend ist
auch, wo KI in den Arbeitsprozess eingebettet wird. Besonders deutlich wird ihr
Potenzial, wenn KI direkt in Produkt-, Design- und Entwicklungsworkflows
integriert ist. Wird sie dort eingesetzt, wo Produktideen entstehen, verkürzt
sich der Weg von der ersten Idee zum testbaren Prototyp erheblich. Der
eigentliche Mehrwert liegt jedoch nicht darin, schneller zu sein. Entscheidend
ist, schneller mehr Ideen zu testen, um herauszufinden, welche Lösung wirklich
funktioniert.
KI entfaltet ihren größten Nutzen, wenn Produkt, Design, Entwicklung und
Business denselben Kontext teilen. Sind Teams stark voneinander getrennt, löst
KI dieses Problem nicht automatisch. Wird KI hingegen in kollaborative
Arbeitsprozesse eingebettet, kann sie Zusammenarbeit gezielt beschleunigen. Bei
Figma zeigt sich das etwa auf dem Infinite Canvas, der Teams einen gemeinsamen
Arbeitsraum für Ideen, Designs, Prototypen und Feedback bietet. KI wird dann
nicht nur zum Werkzeug für mehr Output, sondern zum Beschleuniger gemeinsamer
Produktentwicklung.
VON KI-NUTZUNG ZU ECHTER KI-REIFE
Für Unternehmen beginnt damit eine neue Phase der KI-Reife. Die entscheidende
Frage lautet nicht mehr nur, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter KI
nutzen oder wie viele Prompts erzeugt werden. Entscheidend ist, ob KI messbar
dazu beiträgt, bessere Entscheidungen zu treffen, Reibungsverluste zu reduzieren
und Produktfortschritt zu beschleunigen. Wer nur zählt, misst Aktivität. Wer
Workflow Impact misst, erkennt Fortschritt.
Nach der ersten Euphorie braucht es deshalb mehr Klarheit, mehr Disziplin und
mehr strategische Steuerung. KI wird nicht automatisch produktiv, nur weil sie
häufig genutzt wird. Produktiv wird sie dort, wo sie in sinnvolle Prozesse
eingebettet ist, wo Teams gemeinsamen Kontext schaffen und wo menschliches
Urteilsvermögen den Einsatz von Technologie bewusst lenkt. Genau dort entsteht
der Unterschied zwischen mehr Output und echtem Fortschritt.
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