KOMMENTAR VON ALEXANDER HOFMANN, MAIBORNWOLFF WARUM TECHNOLOGIE AM
GESCHÄFTSNUTZEN GEMESSEN WERDEN MUSS
07.08.2026 Von Alexander Hofmann 5 min Lesedauer
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IT-Budgets steigen seit Jahren, doch die operative Produktivität tritt in vielen
Unternehmen auf der Stelle. Dieses Phänomen hat einen ökonomischen Namen: das
Solow-Paradoxon. Der Nobelpreisträger Robert Solow stellte bereits 1987 fest,
dass sich Computerinvestitionen überall zeigen – nur nicht in den
Produktivitätsstatistiken. Knapp vier Jahrzehnte später wiederholt sich der
Effekt unter neuen Vorzeichen, denn die Komplexität moderner IT-Landschaften
neutralisiert die Effizienzgewinne, die einzelne Tools versprechen.
Für CIOs und IT-Leitungen verschiebt sich damit der Maßstab: Eine
Technologie-Entscheidung muss nicht beweisen, dass sie funktioniert, sondern
dass sie messbar zum Geschäftsergebnis beiträgt.
VOM TOOL-KAUF ZUR BUSINESS-LOGIK
Die zentrale Frage lautet nicht mehr, welches System die besten Funktionen
bietet. Sie lautet: Welches geschäftliche Problem soll gelöst werden und ist
Software dafür überhaupt der richtige Hebel?
Eine bestätigt, dass viele Beschaffungsentscheidungen diese Frage überspringen:
64 Prozent der befragten IT-Verantwortlichen geben an, dass Mitarbeiter kaum in
Technologie-Entscheidungen einbezogen werden. Damit auf Effizienz durch
Technologie keine Effizienzlücke folgt, muss der Prozess umgekehrt gedacht
werden.
Statt mit dem Tool zu beginnen, startet die Analyse beim Geschäftsprozess. Erst
wenn Engpässe, Medienbrüche und Wertschöpfungsketten verstanden sind, lässt sich
beurteilen, ob ein neues System tatsächlich hilft – oder nur die Tool-Landschaft
erweitert.
BUSINESS CAPABILITIES STATT FEATURE-LISTEN
Reife Organisationen arbeiten mit sogenannten Business Capabilities. Das sind
klar abgegrenzte Fähigkeiten, die ein Unternehmen braucht, um Wertschöpfung zu
erzeugen – etwa Auftragsabwicklung, Kundenservice oder Lieferantenmanagement.
Jede Capability lässt sich an Kennzahlen koppeln: Durchlaufzeit, Fehlerquote,
Kosten pro Vorgang. Auf dieser Basis wird sichtbar, welche Software tatsächlich
Werte schafft und welche nur Aufwand bindet.
TOTAL COST OF OWNERSHIP STATT LIZENZPREIS
Die Lizenzkosten machen nur einen Bruchteil der wahren IT-Ausgaben aus.
Schulungen, Integration, Wartung, Betriebspersonal und Opportunitätskosten
ungenutzter Funktionen vervielfachen den Preis.
Eine ehrliche Total-Cost-of-Ownership-Rechnung über fünf Jahre verändert oft die
Reihenfolge der Optionen. Was zunächst günstig wirkt, entpuppt sich als
Kostenfalle. Was teuer aussieht, zahlt sich strategisch aus.
TECHNISCHE SCHULDEN ALS UNSICHTBARE HYPOTHEK
Software verschleißt anders als eine Maschine. Sie altert nicht durch Nutzung,
sondern durch unterlassene Pflege. Das Konzept der technischen Schulden, geprägt
von Ward Cunningham in den 1990er-Jahren, beschreibt die Summe aller
Kompromisse, die zugunsten kurzfristiger Termine eingegangen wurden. Diese
Schulden wirken wie eine Zinslast. Jede künftige Anpassung kostet
überproportional mehr Zeit und Geld.
Eine globale . Den größten Anteil verschlingen verzögerte
Transformationsprojekte.
WENN WISSEN MIT DEN MITARBEITERN GEHT
Eine besondere Risikozone entsteht durch den demografischen Wandel. Mit dem
Renteneintritt der Babyboomer verlassen erfahrene IT-Architekten die
Unternehmen. Ist ihr Wissen weder im Code noch in der Dokumentation verankert,
entstehen -Systeme.
Diese funktionieren, aber niemand versteht mehr, warum. Wer eine Anpassung wagt,
riskiert Kettenreaktionen, die sich nicht vorhersehen lassen. Die Modernisierung
gewachsener Systemlandschaften wird so zur Voraussetzung für jede ernsthafte
Innovationsstrategie.
STRANGLER-FIG-PATTERN STATT BIG-BANG-ABLÖSUNG
Riskante Komplettablösungen sind selten der richtige Weg. Bewährt hat sich das
Strangler-Fig-Pattern, beschrieben von Martin Fowler. Um das alte System herum
wird schrittweise eine neue Architektur aufgebaut.
Funktion für Funktion wandert in die neue Umgebung, bis der alte Monolith
schließlich überflüssig wird. Das reduziert das Projektrisiko erheblich und hält
das Geschäft währenddessen lauffähig.
DER BRUCH ZWISCHEN IT UND FACHBEREICH
Eine zentrale Ursache für ineffiziente Beschaffung liegt nicht in der
Technologie selbst, sondern in der Organisation. Schon 1968 formulierte der
Informatiker Melvin Conway eine These, die bis heute gültig ist: Organisationen
entwerfen Systeme, die ihre eigene Kommunikationsstruktur abbilden.
Wo IT und Fachbereich aneinander vorbei sprechen, entsteht Software, die genau
diesen Bruch konserviert. Eine praxisnahe .
In der Praxis bedeutet das: Wer cross-funktional zugeschnittene Teams etabliert,
erhält andere – meist bessere – Systeme als ein Unternehmen mit klassischen
Abteilungssilos. Konzepte wie Domain-Driven Design oder das
Reverse-Conway-Maneuver setzen genau hier an.
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Stand: 08.12.2025
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KI ALS BESCHLEUNIGER – IN BEIDE RICHTUNGEN
(KI) gilt vielen als Hoffnungsträger gegen das Produktivitätsproblem.
Tatsächlich kann KI Standardprozesse automatisieren, Legacy-Code analysieren und
Wartungsaufwände reduzieren. Doch der Hebel kippt schnell. senkt die Kosten für
die Erstellung von Code und Inhalten drastisch. Nach dem Jevons-Paradoxon, einem
ökonomischen Effekt aus dem 19. Jahrhundert, führt eine effizientere Nutzung
einer Ressource häufig zu deren stärkerem Verbrauch.
Übertragen auf IT-Landschaften heißt das: Es entsteht nicht weniger, sondern
deutlich mehr Code. Ohne klare Governance vervielfacht KI den vorhandenen
digitalen Ballast, statt ihn abzubauen. Ungenutzte fachliche Funktionen und
überflüssige Artefakte – in der Studie als „digitaler Müll“ bezeichnet – werden
nach Einschätzung von 59 Prozent der Befragten künftig zunehmen.
Der Ausweg liegt im fokussierten Einsatz. KI sollte dort wirken, wo sie konkrete
Engpässe auflöst. Besseres Verstehen von IT-Systemen, Refactoring, Testing und
die KI-gestützte Analyse gewachsener Domänen sind Felder mit nachweisbarem
Nutzen.
VOM WILDWUCHS ZUR WERTSCHÖPFUNG
Die strategische Antwort auf das Produktivitätsproblem ist unbequem: weniger
statt mehr. Konsolidierung statt Akkumulation. Integration vor Neuanschaffung.
Standardsoftware für unterstützende Prozesse, Individualentwicklung nur dort, wo
sie messbar Wettbewerbsvorteile schafft.
Drei Hebel verdienen besondere Aufmerksamkeit:
* Exnovation: Der bewusste Rückbau ungenutzter und überflüssiger Lösungen
schafft Budget für Innovation. Das Bundesamt für Sicherheit in der
Informationstechnik weist zudem darauf hin, dass eine reduzierte
Systemlandschaft auch das Sicherheitsniveau erhöht, weil weniger
Angriffsfläche entsteht.
* API-First-Strategie: Schnittstellen werden nicht als Nebenprodukt, sondern
als zentraler Business-Enabler definiert. Loose Coupling ermöglicht es,
Komponenten auszutauschen, ohne das Gesamtsystem zu gefährden.
* Klare KPIs: Ohne definierte Messgrößen für den Nutzen einer Software lässt
sich kein ROI validieren. Wer nicht misst, kann nicht steuern.
Für CIOs bedeutet das einen Perspektivwechsel. Die Frage „Welches Tool kaufen
wir als Nächstes?“ wird ersetzt durch eine härtere Variante: Welches System darf
gehen, damit Raum für Wertschöpfung entsteht?
DER NEUE MASSSTAB FÜR IT-INVESTITIONEN
Technologieeffizienz entsteht nicht durch das Hinzufügen weiterer Lösungen,
sondern durch die Disziplin, das Unnötige wegzulassen und das Wesentliche (z. B.
durch KI) zu stärken. Wer Budgets aus der Verwaltung von Altlasten befreit,
gewinnt Investitionskraft für echte Innovation und eine kürzere Time-to-Market.
Der Business Value wird damit zur einzigen validen Metrik für jede
Technologie-Entscheidung – und die IT zum strategischen Hebel, der sich an genau
diesem Maßstab messen lassen muss.
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